Sebastian Kruschwitz

Druckgeschwüre (Dekubitalulzerationen) entstehen durch anhaltenden oder wiederholten Druck auf Gewebe, der zu einer Minderdurchblutung und schließlich zu Gewebsnekrosen führt. Während klassische Lokalisationen wie Sakrum, Fersen oder Trochanter gut bekannt sind, stellen Dekubitalulzerationen am Ohr eine besondere und häufig unterschätzte Herausforderung dar. Sie treten vor allem bei immobilen, intensivpflichtigen oder langzeitbeatmeten Patientinnen und Patienten auf und erfordern ein angepasstes Wundmanagement.

Sebastian Kruschwitz, Fachbereichsleitung Wundmanagement, Wundexperte/Pflegetherapeut Wunde (ICW), ZBI, Berlin

Entstehung und Risikofaktoren von Ohrdekubiti

Das Ohr ist aufgrund seiner anatomischen Gegebenheiten besonders Dekubitus gefährdet:

  • sehr dünne Haut mit geringer subkutaner Fettpolsterung
  • direkte Auflage des Knorpels auf dem Schädelknochen
  • häufige Druckbelastung durch Lagerung, Sauerstoffbrillen, Masken, Beatmungsschläuche oder Kopfhilfen.

Bereits kurze Druckeinwirkungen können am Ohr zu Hautläsionen führen, die sich rasch verschlechtern. Weitere Risikofaktoren sind daher:

  • eingeschränkte Mobilität
  • verminderte Wahrnehmung (Sedierung, neurologische Erkrankungen)
  • Feuchtigkeit (Schwitzen, Sekret)
  • Mangelernährung und reduzierte Hautintegrität.

Klinische Erscheinungsbilder

Dekubitalulzerationen am Ohr reichen von nicht wegdrückbarem Erythem (Kategorie I) bis hin zu offenen Ulzerationen mit Knorpelbeteiligung (Kategorie III–IV). Besonders problematisch ist eine Infektion des Knorpels (Perichondritis), die die Heilung erheblich verzögern und zu dauerhaften Deformierungen führen kann.

Grundsätze der Wundtherapie am Ohr

Das Wundmanagement am Ohr muss mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen:

  1. Druckentlastung (z. B. durch spezielle Lagerung, Polsterungen oder Aussparungen)
  2. Infektionskontrolle
  3. feuchtes Wundmilieu erhalten
  4. schonende Behandlung des empfindlichen Gewebes.

Für ein effektives Wundmanagement am Ohr eignen sich enzymatische Alginatverbände (Alginole) wie z. B. Flaminal® besonders, da sich der transparente Alginolverband einfach und atraumatisch applizieren lässt.

Flaminal® – das Wirkprinzip

Flaminal® ist ein primärer Wundverband für akute und chronische sowie infizierte bzw. infektionsgefährdete Wunden. Es handelt sich um eine hydratisierte Alginatmatrix, in die ein antimikrobiell wirksames Enzymsystem eingebettet ist. Das Enzymsystem sorgt für eine kontrollierte Generierung von freien Sauerstoffradikalen (ROS) in sehr niedriger Konzentration, wodurch eine antimikrobielle Wirkung gewährleistet wird. Diese stellt sicher, dass

  • das Bakterienwachstum gehemmt
  • das physiologische Wundmilieu unterstützt
  • das gesunde Gewebe geschont wird
  • das zelltoxische Effekte dabei nicht auftreten.

Ein wesentlicher Vorteil von Flaminal ist, dass keine klassischen Antiseptika benötigt werden, wodurch zytotoxische Risiken vermieden werden können. Die Anwendung des Alginols erfolgt immer zusammen mit einem geeigneten Sekundärverband.

Flaminal® gibt es in den zwei Formulierungen „hydro“ für gering bis mäßig exsudierende Wunden und „Forte“ für mäßig bis stärker exsudierende Wunden. Die enzymatischen Alginole eignen sich besonders für:

  • oberflächliche und mäßig bis stark exsudierende Wunden
  • frühe Stadien von Dekubitalulzerationen
  • empfindliche Areale wie Ohrmuschel und Retroaurikularregion.

Durch den niedrigeren Fließwiderstand lässt sich Flaminal hydro sehr gut dünn auftragen, ohne Druck auf das Gewebe auszuüben.

Flaminal Forte ist aufgrund seines höheren Alginatanteils für größere Exsudataufnahme geeignet für:

  • mäßig bis stark exsudierende Ohrdekubiti
  • tiefere Ulzerationen mit höherem Infektionsrisiko
  • Wunden mit beginnender Nekrose oder Fibrinbelägen.

Das formstabile Alginol verbleibt in der Wunde, was gerade bei schwierigen anatomischen Verhältnissen wie bspw. am Ohr von Vorteil ist.

Differenzierter Einsatz bei Ohrdekubiti

Insgesamt bietet der Einsatz von Flaminal hydro/Forte bei der Versorgung von Dekubitalulzerationen am Ohr folgende Vorteile:

  • gute Infektionskontrolle ohne Resistenzproblematik
  • Förderung der physiologischen Wundheilung
  • einfache, atraumatische Anwendung auch bei kleinen, schwer zugänglichen Wunden
  • gute Kombinierbarkeit mit Sekundärverbänden oder Schaumauflagen.

Pflegepraktische Aspekte

Für die Pflegepraxis ist besonders relevant:

  • kein Brennen oder Schmerzen bei Applikation
  • geringer Verbandwechselbedarf (je nach Exsudat)
  • gute Akzeptanz bei Patientinnen und Patienten.

Eine regelmäßige Reevaluation der Druckentlastung bleibt jedoch essenziell – kein Wundprodukt kann fehlende Prävention kompensieren.

Fazit

Dekubitalulzerationen am Ohr stellen aufgrund der anatomischen und funktionellen Gegebenheiten eine besonders herausfordernde Versorgungssituation dar. Neben konsequenter Druckentlastung und sorgfältiger Pflege spielen geeignete Wundtherapeutika eine zentrale Rolle. Flaminal hydro und Forte bieten durch ihr enzymatisches, gewebeschonendes Wirkprinzip eine sehr gute Option für die lokale Therapie von Ohrdekubiti und können sowohl in frühen als auch in fortgeschritteneren Stadien effektiv eingesetzt werden.

Fallbericht: Dekubitus am linken Ohr, Kategorie IV

In dem Fallbeispiel handelt es sich um einen 23-jährigen schwerst pflegebedürftigen Patienten mit komplexem internistischem und neurologischem Krankheitsbild. Relevante Vorerkrankungen sind u. a. eine hypoxisch-ischämische Enzephalopathie nach prolongierter Reanimation bei Kammerflimmern (27.08.2024), spastische Tetraparese, chronische respiratorische Insuffizienz, Zustand nach Tracheostomaanlage, Herzstillstand mit erfolgreicher Wiederbelebung, Kammerflattern/-flimmern, hypertrophe Kardiomyopathie sowie multiple Infektionen mit multiresistenten Erregern.

Der Patient ist immobil, tracheotomiert, PEG-versorgt und vollständig pflegeabhängig.

 

Abb. 1: Dekubitalulzeration Kategorie IV am rechten Ohr, mit Teilverlust von Knorpelgewebe

Risikofaktoren

Aufgrund der ausgeprägten Immobilität, der neurologischen Defizite, der eingeschränkten Eigenbewegung, der notwendigen Lagerung sowie der reduzierten Wahrnehmung besteht ein hohes Risiko für Druckschäden. Insbesondere die seitliche Kopflagerung und die kontinuierliche Druckbelastung im Bereich der Ohrmuschel führten zur Entstehung eines Dekubitus am linken Ohr.

Befund

Bei der klinischen Inspektion zeigte sich ein Dekubitus am linken Ohr der Kategorie IV. Es bestand ein vollständiger Gewebeverlust mit freiliegenden tieferen Strukturen. Der Wundgrund war teilweise belegt, lokal bestanden ein erhöhtes Infektionsrisiko. Die umliegende Haut war druckempfindlich und vulnerabel. Zeichen einer systemischen Infektion lagen zum Zeitpunkt der Beurteilung nicht vor.

Abb. 2: Iced Effekt: Bei längerer Anwendungszeit kommt es zu diesem Effekt der formstabilen Enzymalginole

Therapie und Wundmanagement

Die Wundbehandlung erfolgte gemäß den aktuellen Prinzipien der feuchten Wundtherapie. Nach sorgfältiger Reinigung und Säuberung der Wunde wurde Flaminal® Forte als primäres Wundtherapeutikum eingesetzt.

Die Applikation erfolgte alle drei Tage nach vorheriger Wundreinigung. Das transparente Alginol wurde aufgrund seiner enzymatischen antimikrobiellen Eigenschaften sowie der Fähigkeit zur Aufrechterhaltung eines feuchten Wundmilieus gewählt – insbesondere vor dem Hintergrund des erhöhten Infektionsrisikos bei vorhandener multiresistenter Keimbesiedlung.

Die Wunde wurde anschließend mit einem geeigneten atraumatischen Verband abgedeckt.

Begleitend wurden konsequente druckentlastende Maßnahmen durchgeführt, einschließlich regelmäßiger Lagerungswechsel, gezielter Freilagerung des linken Ohres sowie der Anpassung der Kopfpositionierung. Die Hautinspektion erfolgte regelmäßig.

Verlauf

Im weiteren Verlauf zeigte sich unter der beschriebenen Behandlung eine stabile lokale Wundsituation. Zeichen einer akuten Verschlechterung oder systemischen Infektion traten nicht auf. Die Wunde wurde kontinuierlich überwacht, wobei die Therapie fortlaufend an den lokalen Wundbefund angepasst wurde.

Abb. 3: vollständige Epithelisation der Druckulzeration

Zusammenfassung

Bei einem multimorbiden, immobilen Patienten mit schwerer neurologischer Schädigung entwickelte sich ein Dekubitus der Kategorie IV am linken Ohr. Die Behandlung mit Flaminal® Forte im Rahmen eines strukturierten Wundmanagements sowie konsequenter Druckentlastung stellte eine geeignete therapeutische Maßnahme dar und trug zur Stabilisierung der Wundsituation bei.

 

Autor:
Sebastian Kruschwitz, Fachbereichsleitung Wundmanagement (Wundexperte/Pflegetherapeut Wunde ICW), Zentrum für Beatmung und Intensivpflege GmbH (ZBI), Franz-Jacob-Str. 4 D, 10369 Berlin.