Claudia Eberle
Das Lipödem stellt eine chronisch-progrediente, nahezu ausschließlich bei Frauen auftretende Fettverteilungsstörung dar, charakterisiert durch eine symmetrische, disproportionale Fettgewebsvermehrung an den Extremitäten bei Aussparung von Händen und Füßen sowie durch Druck- und Spontanschmerzen.1, 2 Epidemiologischen Schätzungen zufolge liegt die Prävalenz bei erwachsenen Frauen in Deutschland bei über 10 Prozent.1, 2 Der Anteil männlicher Patienten beträgt weniger als 1 Prozent und ist in der Regel sekundären Ursachen, etwa hormonellen Dysregulationen, zuzuordnen.3
Prof. Dr. med. Claudia Eberle, Universitätsmedizin Marburg – Campus Fulda und Hochschule Fulda – University of Applied Science
Lipödem nicht mit einfachem Übergewicht verwechseln
Aus gendermedizinischer Perspektive nimmt das Lipödem eine paradigmatische Stellung ein, da es geschlechtsspezifische Aspekte in Ätiologie, Pathophysiologie, psychosozialer Belastung und Versorgungsrealität vereint. Typischerweise manifestiert sich die Erkrankung in hormonell sensiblen Lebensphasen – insbesondere Pubertät, Schwangerschaft und Menopause – und weist eine enge Assoziation zu östrogenabhängigen Regulationsmechanismen auf.
Pathophysiologisch werden östrogenvermittelte Veränderungen der Adipozytendifferenzierung, Lipogenese, Mikrozirkulationsstörungen und Kapillarfragilität als zentrale Faktoren diskutiert.4 Neben endokrinologischen Mechanismen sind psychosoziale und somatische Komorbiditäten entscheidende Determinanten des Krankheitsverlaufs. Betroffene berichten über signifikante Einschränkungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, depressive Symptome und erhöhte Angstscores.5, 6 Stigmatisierung, gesellschaftliche Schönheitsnormen und diagnostische Verzögerungen verstärken die psychosoziale Belastung und verdeutlichen die Notwendigkeit eines interdisziplinären, integrativen Versorgungungskonzepts.5–7
Aktuelle Entwicklungen und Relevanz
In den letzten Jahren hat das Lipödem erhebliche wissenschaftliche, klinische und gesundheitspolitische Aufmerksamkeit erfahren. Die S2k-Leitlinie Lipödem der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie (DGP) von 2024 definiert erstmals einheitliche diagnostische Kriterien und evidenzbasierte Empfehlungen zur konservativen und operativen Therapie, insbesondere zur Indikationsstellung und Technik der Liposuktion.8 Internationale Studien bestätigen, dass die Liposuktion derzeit die einzige Methode zur dauerhaften Reduktion lipödemassoziierter Fettdepots darstellt, wobei die Evidenzlage limitiert bleibt, da randomisierte Langzeitstudien fehlen.9 Angesichts der hohen Prävalenz und psychosozialen Belastung besteht ein dringender Bedarf an prospektiven Registern, methodisch hochwertigen Studien und geschlechtersensitiver Versorgungsforschung.6 Diese Entwicklungen unterstreichen die wissenschaftliche und gesellschaftliche Relevanz des Lipödems und die Notwendigkeit einer qualitätsgesicherten, leitlinienorientierten Versorgung.
Aktuelle Herausforderungen in Forschung und Versorgung
Trotz der gestiegenen Aufmerksamkeit bestehen weiterhin substanzielle Evidenzlücken. Bevölkerungsbasierte Prävalenzstudien fehlen bislang, und diagnostische Standards werden in der Praxis nicht flächendeckend umgesetzt. Auch zur Langzeitwirksamkeit konservativer und operativer Verfahren liegen nur begrenzt kontrollierte Daten vor.11 Psychosoziale Faktoren – insbesondere psychische Komorbiditäten, Körperbildstörungen und geschlechtsspezifische Stigmatisierung – sind in bestehenden Versorgungskonzepten bislang unterrepräsentiert, obwohl sie entscheidend zur Krankheitslast beitragen.8, 12 Pathophysiologisch ist das Lipödem noch nicht vollständig verstanden; aktuelle Arbeiten weisen auf komplexe hormonelle, vaskuläre und immunologische Wechselwirkungen hin.13, 14
Ein tieferes Verständnis dieser Mechanismen könnte die Grundlage für zielgerichtete, pathophysiologisch fundierte Therapieansätze schaffen.
Lipödem nicht mit einfachem Übergewicht verwechseln
Klinische Empfehlungen
Patientinnen sollten frühzeitig spezialisierte Zentren mit interdisziplinärer Expertise aufsuchen, um eine leitliniengerechte Diagnostik und Therapie zu erhalten. Eine geschlechtersensible Behandlung umfasst:
- differenzierte hormonelle Anamnese,
- individualisierte Schmerz-, Bewegungs- und Kompressionstherapie,
- strukturierte psychosoziale Unterstützung und Beratung,
- Aufklärung über konservative (z. B. Kompression, Bewegung, Ernährung) und operative Optionen (v. a. Liposuktion).
Ergänzend sind psychotherapeutische Interventionen und Maßnahmen zur Förderung eines positiven Körperbildes empfohlen, um die somatische und emotionale Belastung evidenzbasiert zu adressieren.8, 12
Gesundheitspolitische Implikationen
Gesundheitspolitisch besteht die Notwendigkeit, verbindliche Qualitäts- und Indikationskriterien für alle Behandlungsformen zu etablieren. Nationale Register zur systematischen Erfassung klinischer Verläufe und gezielte Förderung geschlechtersensitiver Versorgungsforschung sind essenziell. Darüber hinaus sollte die Integration gendermedizinischer Inhalte in Leitlinien, Curricula und Weiterbildung die Grundlage einer patientenzentrierten, wissenschaftlich fundierten Versorgung bilden. Eine nachhaltige Versorgungsstruktur erfordert ein langfristig finanziertes, interdisziplinäres Konzept, das biologische, psychosoziale und gesellschaftliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigt und einen gleichberechtigten Zugang zu evidenzbasierter, empathischer Betreuung sicherstellt.8
Zusammenfassung
Das Lipödem ist ein überwiegend weibliches, hormonell beeinflusstes Krankheitsbild mit erheblicher körperlicher und psychosozialer Belastung. Es stellt ein paradigmatisches Beispiel für gendermedizinische Wechselwirkungen dar. Fortschritte in Leitlinienentwicklung, operativer Technik und gesundheitspolitischer Anerkennung haben den klinischen Diskurs maßgeblich verändert. Dennoch bestehen weiterhin erhebliche Evidenzdefizite in Epidemiologie, Pathophysiologie und Langzeitergebnissen. Eine koordinierte Forschungsstrategie, die biologische, psychosoziale und versorgungsbezogene Dimensionen integriert, ist entscheidend, um die Versorgung von Patientinnen mit Lipödem nachhaltig zu verbessern.6, 8, 10
Quelle
Statement von Prof. Dr. med. Claudia Eberle, Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie & Diabetologie (DDG & ÄK), Kardiologie & Notfallmedizin, Ernährungsmedizin (DAEM/DGEM) sowie Infektiologie, Inhaberin der W2-Professur für „Innere Medizin & Allgemeinmedizin“ an der Universitätsmedizin Marburg – Campus Fulda und Hochschule Fulda – University of Applied Science, auf der Kongress-Pressekonferenz im Rahmen der 19. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Mannheim, 7. November 2025.
Literatur
1 Marshall M, Schwahn-Schreiber C. Lipödem – das unbekannte Krankheitsbild. Phlebologie. 2011; 40(3): 127–134.
2 Kruppa P, Georgiou I, Biermann N, Prantl L, Klein-Weigel P. Lipödem: Klinisches Bild, Diagnostik und Therapie. Dtsch Ärztebl Int. 2020; 117(22–23): 396–403.
3 Bertlich M et al. Lipedema in men: a rare manifestation with diagnostic and therapeutic challenges. GMS Interdiscip Plast Reconstr Surg DGPW. 2021; 10: Doc11.
4 Szél E et al. Pathophysiological dilemmas of lipedema. Med Hypotheses. 2014; 83(5): 599–606.
5 Luta X et al. Quality of life and mental health in women with lipedema: A cross-sectional study. PLoS One. 2025; 20(3): e0319099.
6 Kreidel Y et al. Psychische Belastung und Lebensqualität bei Lipödem: Ergebnisse einer multizentrischen Studie. Psychother Psychosom Med Psychol. 2025; 75(3–4): 103–111.
7 LipödemGesellschaft e. V. Basisinformationen für Betroffene und Angehörige. 2025.
8 Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie e. V. S2k-Leitlinie Lipödem. 2024.
9 Peprah K, MacDougall D. Liposuction for Lipedema: A Health Technology Review. CADTH Rapid Response Report. 2019.
10 Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Beschluss zur Liposuktion beim Lipödem: Aufnahme in den GKV-Leistungskatalog. 2025.
11 Kruppa P et al. Liposuction in lipedema: long-term follow-up and comparison with conservative treatment. Plast Reconstr Surg. 2022; 149(3): 529e–541e.
12 Paula de ACP, Oliveira J. Psychosocial aspects and self-image in patients with lipedema. Rev Assoc Med Bras. 2024; 70(9): e20240801.
13 Kaftalli J et al. Lipedema and the immune system: emerging evidence for inflammatory pathways. Eur Rev Med Pharmacol Sci. 2023; 27(6 Suppl): 137–147.
14 Kempa S et al. Immune and vascular dysregulation in lipedema: molecular insights. Int J Mol Sci. 2023; 24(24): 17437.