Maurice Moelleken • Joachim Dissemond

In nahezu allen chronischen Wunden können zumindest temporär Bakterien nachgewiesen werden. Es ist bekannt, dass diese Bakterien in chronischen Wunden potenziell Wundheilungsstörungen und Infektionen verursachen können. Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Kontext dem Nachweis multiresistenter Erreger (MRE) zu. Insbesondere der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) ist bei Patienten mit chronischen Wunden ein weit verbreiteter grampositiver MRE, der zu schweren nosokomialen Infektionen führen kann. Zudem verursacht er auch in der Betreuung der Patienten in der täglichen Routine erheblich Probleme. Daher werden in zertifizierten Wundzentren die Ergebnisse der aktuellen bakteriellen Besiedlung der Patienten mit chronischen Wunden meist regelmäßig bestimmt und bewertet.

Bild: PAUL HARTMANN AG

In einer retrospektiven Querschnittsstudie wurde aktuell in der Klinik für Dermatologie im Universitätsklinikum Essen das Spektrum der Resultate der bakteriologischen Abstriche bei Patienten mit chronischem Ulcus cruris untersucht und mit den Ergebnissen der Daten aus den letzten 20 Jahren aus der gleichen Institution verglichen. Hierfür wurde in der regulären Routine jeweils ein bakteriologischer Abstrich aus der Wunde entnommen und untersucht.

Ergebnisse

Von den insgesamt 215 ausgewerteten Patienten waren 125 Frauen (58,1%) und 90 Männer (41,9%) mit einem durchschnittlichen Lebensalter von 68 (Median 71) Jahren. Insgesamt wurden 39 verschiedene Bakterien nachgewiesen, von denen 41,8% grampositiv und 58,2% gramnegativ waren. Staphylococcus(S)aureus wurde in 45,6% der Wunden und somit am häufigsten gefunden, gefolgt von Pseudomonas (P) aeruginosa (28,8%), Proteus mirabilis (14,9%) und Escherichia coli (10,2%). Bei 23,3% der Wunden wiesen die Abstriche keine Erreger auf. In Hinblick auf den Nachweis von MRE konnten lediglich bei 0,9% multiresistente gramnegative Bakterien (3MRGN) und bei 1,4% der Patienten MRSA nachgewiesen werden. Vergleichbare Untersuchungen wurden in der gleichen Wund­ambulanz bereits vor 20, 15 und 10 Jahren durchgeführt. Im Vergleich mit diesen älteren Studien blieb S. aureus der häufigste nachgewiesene Erreger bei Patienten mit chronischem Ulcus cruris. Die Häufigkeit sank jedoch kontinuierlich über die Jahre von 70,1% (2002/2003) auf 59,0% (2007/2008) und 53,0% (2012/2013) auf aktuell 45,6% (2022/2023). Besonders auffällig reduzierte sich der Anteil der MRSA-Isolate signifikant von 21,5% (2002/2003) auf 10,0% (2007/2008) und 9,0 % (2012/2013) auf aktuell 1,4% (2022/2023). Der am zweithäufigsten nachgewiesene Erreger P. aeruginosa verzeichnete einen leichten Anstieg von 24,1 % auf 28,8% innerhalb der letzten 20 Jahre.

Fazit

Zusammengefasst sind S. aureus und P. aeruginosa nach wie vor die am häufigs­ten nachgewiesenen Bakterien bei Partineten mit Ulcus cruris in diesen Auswertungen. Erstmalig konnte jedoch ein signifikanter Rückgang der mit MRE und insbesondere mit MRSA besiedelten Patienten mit Ulcus cruris gezeigt werden. Neben den vermehrt durchgeführten bakteriologischen Untersuchungen im Rahmen der sogenannten Antibiotic Stewartship (ABS) Initiative, kann auch ein „Corona-Effekt“ mit konsequenterer Umsetzung von Hygienemaßnahmen diskutiert werden. Der noch ausstehende Vergleich mit anderen nationalen und internationalen Wundversorgungszentren könnte neue Erkenntnisse über das sich verändernde Bakterienspektrum bei chronischen Wunden liefern und einen Einfluss auf die antimikrobiellen Behandlungsstrategien haben.

Autoren:
Prof. Dr. med. Joachim Dissemond
Dr. med. Maurice Moelleken
Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Universitätsklinikum
Essen, Hufelandstraße 55, 45122 Essen